Zwischen Wort und Widerhall – Wie das »Gegenlesen« in Wuppertal die Idee der Lesung neu erfindet
14. Oktober 2025

Ein Veranstaltungsrückblick von Christian Dörge
Eine Autorin, zwei Autoren, drei Stimmen, ein gemeinsamer Raum: In der Wuppertaler INSEL entfaltet die Reihe »Gegenlesen« das Konzept: Literatur lebt nicht vom Sprechen.
Ich bin von München nach Wuppertal gereist, um dort am 9. Oktober 2025 zu lesen und um zuzuhören. Denn: Das höchst originelle Format »Gegenlesen« löst das klassische Lesungsmodell auf; nicht der Einzelauftritt in quasi-heroischer Pose steht im Mittelpunkt, sondern der dialogische Umgang mit Texten. Den Autoren wird nicht bloß applaudiert: Sie werden konkret befragt – von sich selbst, vom Gegenüber, vom Echo des Raums. Im Zentrum steht ein öffentliches Infragestellen, eine Art literarisches Echogeflecht, bei dem Texte nicht isoliert stehen, sondern in Reibung geraten, kritische Rückfragen provozieren, Anwendungszonen eröffnen. Dieser Dialog ersetzt den werkimmanenten Monolog.
Im Wuppertaler Literaturhaus wurde »Gegenlesen« erstmals 2023 erprobt (in Kooperation mit der Stadtbibliothek). Erklärtes Ziel ist eine Autorenreihe, die Konventionen des Buchmarketings unterläuft und stattdessen literarische Prozesse sichtbar macht: Was hat irritiert? Was hob sich hervor? Welche Spur führt von mir fort, und wohin führte mich der Text? Anders als in üblichen Literaturkritiken besprechen hier keine externen Experten; es sind im Kern die Autoren, die sich selbst und dem künstlerischen Gegenüber mit Konstruktion und Kritik begegnen.
Pro Werk sind etwa dreißig Minuten angesetzt, darin etwa sieben bis fünfzehn Minuten Lesezeit – eine sparsame, aber bewusste Grenze, damit Diskussion und Reflexion als Substanz (oder Destillat) entsprechenden Raum einnehmen können.
Am Abend des 9. Oktober also betrete ich ein in den Raum über dem Café ADA (*»Ada« ist das türkische Wort für »Insel«), Wuppertals legendärem Knotenpunkt der freien Kultur, der freien Szene. Die INSEL ist längst mehr als ein Veranstaltungsort – sie fungiert als Keimzelle, als Impulsgeberin im städtischen Kulturleben, ein Ort, an dem Jazz, Theater, Performance und Literatur ineinander greifen. Der Saal über dem Café ist flexibel, intim, mit variabler Bestuhlung – eine Atmosphäre, in der Distanz schwindet und Nähe entsteht.
Die INSEL ist identitätsstiftend für die Wuppertaler Szene – ein Ort, an den sich Künstler und Publikum gleichermaßen gebunden fühlen. In diesem Raum wird nicht nur gelesen, sondern (oft) improvisiert, vernetzt, diskutiert. Sie ist kein Monument, sie ist ein lebendiger Organismus – und das spürt man, sobald der Saal sich füllt und Stimmen sich leise vermischen, wenn die Lichtkreise und -kegel umstellt werden und der Raum sich auf den Text vorbereitet.
Um Punkt 19:30 Uhr erhebt sich Michael Sperschneider (Schriftsteller/Journalist/freischaffender Künstler). Er hat in Wuppertal studiert und wirkt vertraut mit den lokalen Netzwerken – eine Rolle, die ihm erlaubt, nicht nur zu moderieren, sondern zu integrieren, in die diskursive Spannung zu führen. Sperschneider ist kein reiner Moderator im neutralen Gewand, sondern eher ein Chorsprecher: er kennt das Terrain, kann auf persönliche Nuancen eingehen, navigiert geschickt zwischen Lesung und Gespräch.
Er skizziert kurz das Prinzip von »Gegenlesen«, beschreibt das Wie der Querfragungen, Resonanzerkundungen, Zitatlayouts.
Und damit beginnt der eigentliche Abend – in der leisen Spannung, wie diese drei Stimmen sich gegenseitig in Frage stellen, wie Lesung auf Gespräch trifft, wie Positionen offenbleiben und sich in Bewegung setzen.
Anschließend stellt Sperschneider die drei Künstler des Abends vor – in jener Reihenfolge, in der auch gelesen wird:
Zuerst Sigune Schnabel, die Lyrikerin aus Düsseldorf, deren Band Die Zeit hat ihre Farbe verloren das Unsagbare tastend zu umkreisen scheint. Ihre Sprache ist filigran und konzentriert, und man spürt sofort, dass sie das Gedicht als Raum des Widerstands gegen Entfärbung und Nivellierung begreift.
Es folgt Jost Baum, Wuppertaler Autor, Krimischreiber, Sozialwissenschaftler, ein Chronist des Ruhrgebiets, der in Palmen an der Ruhr eine Zukunft imaginiert, in der sich das Bekannte in Dystopie verwandelt hat. Seine Stimme hat den Rhythmus eines Erzählers, der das Reale gegen das Fiktive aufrechnet.
Und zuletzt – ich, wie man so schön sagt, mit meinem kleinen Ausschnitt aus dem komplexen Gefüge. Im Fokus steht mein Buch Fast ein Ödipus meine Auslöschung (erschienen im Signum-Verlag), ein Buch zwischen Lyrik, Prosa und bildender Kunst, einer Arbeit an der Grenze des Sagbaren.
Sperschneider bringt die drei Bücher in eine temporäre Choreografie, als wären sie Stimmen in einem größeren, noch ungeschriebenen Text: drei Ansätze, drei Sprachen; vielleicht drei Versionen, Welt zu deuten – oder sie zu verlieren.
Dann beginnt das Gegenlesen.
Ein Abend der Reibungen, der Korrespondenzen
Es war ein ruhiger, konzentrierter Abend, der mit einer beinahe unmerklichen Spannung begann – wie vor einem musikalischen Einsatz. Drei Stimmen, drei Schreibweisen, drei Temperamente, die, so verschieden sie schienen, sich in ihren Bruchstellen berührten. Schon während der ersten Lesung wurde spürbar, dass dieses »Gegenlesen« mehr sein wollte als eine Abfolge von Texten. Es war eine Versuchsanordnung über Sprache selbst – darüber, wie verschieden sich Welt schreiben lässt und wo die Linien zwischen Ausdruck und Schweigen verlaufen.
Sigune Schnabel eröffnete den Abend. Ihre Gedichte, leise, tastend, präzise, sprachen von Zeit, Verlust und Erinnerung. In ihrem Vortrag war nichts Zufälliges, keine Pose – jedes Wort von beinahe tragischer Konnotation, ein sorgsames Freilegen von Schichten, in denen Sprache und Stille ineinandergreifen. Ihre Zeilen glichen Partituren, in denen die Pausen lauter waren als die Worte. In der anschließenden Diskussion spürte man sofort, wie ernst dieses Format genommen wurde: Kein höflicher Applaus, kein bloßes Lob, sondern Fragen, tastende Nachfragen, kleine Interventionen – auch von uns Mitlesenden. Was passiert, wenn Sprache die Farbe verliert? Wann beginnt Dichtung, sich selbst zu löschen? Schnabel antwortete ruhig, fast scheu, aber mit einer Klarheit, die man nur hat, wenn man sich mit dem Medium Lyrik wirklich identifiziert.
Jost Baum las sodann mit einem anderen, gänzlich irdischen Zugriff: Palmen an der Ruhr brachte plötzlich Asphalt, Staub, Ruinen in den Raum. Seine Lesepassage – eine Szene aus dem dystopischen Ruhrgebiet, in dem die Zukunft ein Zerrbild nebelverhangener Vergangenheit ist – stand in scharfem Kontrast zu Schnabels behutsamer Weltwahrnehmung. Und doch: Je länger man zuhörte, desto stärker trat eine merkwürdige Korrespondenz hervor. Auch hier ging es um Verlust – nur nicht um den der Zeit, sondern um den der Welt. Baum las mit ruhiger, sachlicher Stimme, beinahe dokumentarisch, und gerade das verlieh dem Text immense Wucht. In der Diskussion sprachen wir über Dystopie als Gegenwartsform, über den politischen Schatten, den das Heute in seine möglichen Zukünfte wirft. Baum nannte seine Geschichte »eine spekulative Fortschreibung des Bekannten«, und genau darin lag der Reiz: Das Ruhrgebiet als Zukunftsarchäologie.
Und schließlich folgte mein eigener Teil – Fast ein Ödipus meine Auslöschung. Ich las (sofern ich mich beim Verfassen dieser Zeilen nicht verzähle) acht lyrische Texte, Bruchstücke, die (dem Konzept wohlwollend geschuldet) mehr andeuten als erklären sollten. Sie kreisten um jenes Dunkel, das mich (buchstäblich) seit Jahrzehnten umtreibt: das innere Archiv, in dem Sprache nicht beschreibt, sondern tastet, in dem jedes Bild zugleich eine Auslöschung ist.
Dort wird kein Bekenntnis gesucht, keine vom Licht isolierte Erzählung, sondern ein Verfahren – ein Schreiben gegen das Sichtbare, hinein in die Schicht, in welcher sich Sinn, Schweigen und Abgrund berühren.
Vielleicht war das mein Beitrag zum Gegenlesen: das eigene Dunkel nicht zu erklären, sondern es im Licht der anderen Stimmen zurückgeworfen zu sehen.
Vom Text zum Dialog: Nachhall und Widerspruch
Im Anschluss an diese Lesungen entstand jene Art von Gespräch, die selten gelingt: keine Verteidigung, kein Dozieren, sondern ein freies, assoziatives Nachdenken über Form, Fragment und Mythos. Schnabel sprach über die Körperhaftigkeit der Sprache, Baum über die Notwendigkeit, Chaos in Strukturen zu verwandeln, und Sperschneider, der Moderator, fügte sinngemäß fast beiläufig an: »Vielleicht löschen wir uns alle ein wenig aus, wenn wir schreiben – und genau darin liegt das Verbindende.«
Diese Momente – offen, nicht inszeniert, nicht kalkuliert – machten die Stärke des Abends aus. »Gegenlesen« funktionierte hier tatsächlich als literarischer Resonanzraum: Texte, die sich nicht ausschließen, sondern aufeinander antworten, manchmal in leiser Ironie, manchmal in fast metaphysischer Nähe. Zwischen Schnabels poetischer Reduktion, Baums futuristischer Topographie und meinem eigenen Sprachkörper entstand eine Art Drittraum, in dem Literatur plötzlich nicht mehr Besitz, sondern Bewegung war.
Das Publikum – aufmerksam, klug, geduldig – folgte diesen Bewegungen, lachte an den richtigen Stellen, schwieg an den entscheidenden. Es war kein Abend der Effekte, kein Festival der Selbstinszenierung, sondern einer des genauen Hörens, der seltenen Konzentration, die entsteht, wenn Künstler einander aufrichtig als Gegenüber begreifen.
Nach dem Wort: Eine Übung im genauen Hören
Gegen Ende des Abends, als die Gespräche sich allmählich in den Stimmen des Publikums auflösten, war etwas spürbar, das in der Literaturveranstaltung selten geworden ist: Echtheit. Drei Künstler, die sich zuhörten, widersprachen, ergänzten, tasteten. Die Form des »Gegenlesens« hat in dieser Hinsicht fast etwas Utopisches: Sie verschiebt den Blick fort von der Bühne und richtet ihn zurück auf den Text, auf seine Verletzlichkeit, seine (mögliche) Unfertigkeit, sein Arbeiten am Material.
Ich ging mit dem Eindruck, dass an diesem Abend weniger gelesen als vielmehr verstanden wurde – verstanden im Sinne eines geteilten Erkennens. Sigune Schnabel, mit ihrer zarten, doch unbeirrbaren Sprache, hatte der Zeit ihr eigenes Maß zurückgegeben. Jost Baum, mit seiner dystopischen Topografie, zeigte, dass auch das Lokale eine Zukunft haben kann, wenn man sie zu Ende dekliniert. Und ich selbst war Teil eines Dialogs, der nicht auf Zustimmung zielte, sondern auf Verstörung – auf jenes fragile, oft flüchtige Gefühl, dass Literatur noch etwas bewegen kann, jenseits ihrer scheinbar sichtbaren Oberfläche.
Ein besonderer Dank gebührt Michael Sperschneider, der den Abend mit spürbarer Sorgfalt und kluger Leichtigkeit moderierte. Seine Rolle war keineswegs die eines bloßen Koordinators oder Programmverwalters, sie entsprach eher der eines Begleiters – menschlich zugewandt, vorbereitet bis in die Zwischentöne, offen für Abschweifungen, und immer mit dem Gespür für den Moment, an dem man besser schweigt, um das Gesagte wirken zu lassen.
Als ich schließlich aus der INSEL hinaustrat, lag ein leises Rauschen in der Luft – Wuppertal bei Nacht, feucht, schimmernd, vertraut und fremd zugleich. Möglicherweise war das die passende Metapher für den ganzen Abend: ein Ort zwischen Nebel und Klarheit, zwischen Stimmen, die sich nicht überlagern, sondern leise ineinander übergehen. Ein Abend des Gegenlesens – und des gegenseitigen Erkennens.
Text: Copyright © 2025 by Christian Dörge.
Photo: Copyright © 2025 by Christian Dörge/Signum-Verlag.

