Die Wuppertaler Autorin und Künstlerin Ruth Velser (1953-2025). Ein gemeinsamer Nachruf

16. November 2025

Am 4. Oktober 2025 ist die bildende Künstlerin und Autorin Ruth Velser verstorben. Wir veröffentlichen hier drei Beiträge, um an sie zu erinnern:

  • von Alfred Mirsch vom Wuppertaler Nordpark-Verlag, ihrem Verleger,
  • von Manuela Weber für Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK Bezirksverband Bergisch Land e. V.
  • sowie von Matthias Rürup für das Literaturhaus Wuppertal e.V. und das (ehemalige) Literatentreffen Wuppertal.

Zum Tod der Malerin und Dichterin Ruth Velser

Ruth Velser war eine Autorin, die um ihr Leben schrieb, der das Schreiben zugleich Dokument des Lebens, als auch Möglichkeit und Sinn des Überlebens war. Eine Autorin und Malerin, die für die Kunst lebte – in aller Konsequenz. Gerade diese Konsequenz, die man auch Hingabe nennen darf, machte ihre Kunst um so mehr zu einer echten und wichtigen, folgt sie doch nicht medialen oder modischen Strömungen. Ihr ureigener Kompass führt sie durch das kulturelle Feld, stilistisch und inhaltlich unabhängig, existentiell doch immer bedroht.

Ein schwieriges Aufwachsen in Zwängen und nicht erfüllbaren Erwartungen, ein Annehmen und Zurückweisen, sich heimisch fühlen und fremd werden, ein Leben zwischen familiärer Enge und schulischen Normen, in einem kleinstädtisch-dörflichen Milieu vor den großen Verwerfungen der Studentenrevolte.

In kunstvoll knapper Sprache und eindrucksvollen Bildern beschrieb Ruth Velser ihren Weg zwischen Distanz und Nähe, Anpassung, Ablehnung und Rebellion zur Persönlichkeit und Künstlerin.

Assoziationsketten, Sprünge, Umschichtungen und Einschübe benutzte sie als eine eigene Technik, indem sie nicht konstruktiv, sondern intuitiv arbeitete. Ihre poetische Aufarbeitung von Verlust, Angst, Härte und selten erfüllten Sehnsüchten setzte sich zu einem komplexen Gesamtkunstwerk zusammen, das genau diese Sprünge, Stürze und Schläge zum Ausdruck bringt, die ihr persönliches Leben kennzeichneten.

Nach einem unmerklichen Verschwinden in sich selbst waren ihre Gedichte und ihre Malerei sowohl bittere Früchte und zugleich zarte Impressionen: Dokumente eines Aufbruchs, eines langen Weges zur eigenen Identität.

Ruht Velser starb im Alter von 72 Jahren in der Nacht zum Samstag, den 4. Oktober 2025.

Alfred Miersch
(Nordpark-Verlag Wuppertal)

Nachruf  auf Ruth Velser

Wir möchten uns mit diesem Nachruf von unserem langjährigen Mitglied Ruth Velser verabschieden, die am 4. Oktober 2025 verstorben ist. Ruth war neben dem BBK auch in der GEDOK, in der Bergischen Kunstgenossenschaft e.V. und im Verband Deutscher Schriftsteller organisiert. Sie arbeitete als Künstlerin und als Schriftstellerin.

1953 in Bonn geboren, wuchs Ruth Velser in Wuppertal auf. In den Jahren 1986-1992 besuchte sie die Kunstakademie Düsseldorf und schloss sich danach der Ateliergemeinschaft Werktor 3 in Wuppertal an, wo sie an ihrem Atelierplatz zahlreiche Künstlerportraits in Großformat anfertigte.

In der Zeit von 2007-2017 nahm sie an zahlreichen Einzelausstellungen (in Wendlingen, Ratingen, Hattingen, Solingen und Remscheid) sowie auch Gruppenausstellungen in Wuppertal und im näheren, aber auch weiteren Umfeld (Bonn, Karlsruhe, Sindelfingen und Stuttgart) teil.

Ruth Velser veröffentlichte ihre literarischen Texte in zahlreichen Magazinen und im Nordpark-Verlag Alfred Miersch in Wuppertal 2008 den autobiografischen Text „Ronsdorfer Kindheit, Ein Untergang in 23 Impressionen“ sowie 2010 die Gedichtsammlung „Liebelein“.

2011 war Ruth als Schriftstellerin im Heine-Kunst-Kiosk zu Gast, bei dem sie mit „Harry Heinrich Henri Heine“ an Deutschland in der Nacht von Oberbarmen gedachte. Auf eine ganz besondere Art und Weise beschäftigte sie sich künstlerisch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen wie auch Erinnerungen und Rückblicken. Literarisch sorgen eigene Assoziationsketten, gedankliche und thematische Sprünge, Umformungen und Transfers für eigene Sprachformeln, die aus ihrem persönlichen Leben hervorgingen und dieses auch wieder kennzeichnen.

In ähnlicher Weise entwickelte Ruth auch gestalterisch visuelle Kürzel und Zeichen, die der Wiedergabe in ihren gemalten Portraits einen besonderen Eigenwert verleihen. Ruths Sicht auf den Menschen ist einzigartig sonderlich und auch unverwechselbar. Oft ging sie während der Phase der Produktion sehr kritisch mit sich um. Ihre Bilder zeugen von einem aufreibenden Prozess der Bildentstehung, in dem sie sich daher nicht immer als stolze Produzentin erfuhr. So blieb auch das malerische Schaffen für Ruth neben der poetischen Äußerung eine fortdauernde Spurensuche, von der sie bis zum Tod nicht abließ.

Manuela Weber
(für den Vorstand des Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK Bezirksverband Bergisch Land e. V)

In Erinnerung an Ruth Velser

Ruth Velser ist verstorben, am 4. Oktober 2025, 72-jährig. Zurückgezogen, so wie sie gelebt, so wie sie geschrieben, so wie sie gemalt hat. Ihre Gedichte sind eindrückliche Belege dafür, kunstvolle Miniaturen: knapp und fragil, manchmal fast am Verstummen, manchmal tänzelnd, beinahe froh, manchmal nah am wütenden Ausbruch.

So wie Ruth selbst oft war, wenn ich ihr begegnete – im Rückzug, bisweilen im Zorn, immer darum kämpfend irgendwie, gesehen zu werden.

Ihre Kunst bot ihr die Möglichkeit dazu. Sei es bei der Begegnung im Kolleg:innenkreis. Sei es bei Lesungen und Ausstellungen. Und natürlich über ihre Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften wie dem Karussell und dem neolith oder mit ihren Büchern im Nordpark-Verlag. Ruth Velser war hör- und sichtbar im Wuppertaler Kulturleben und darüber hinaus, eine prägende, eine eigenständig-besondere Stimme. Sie gehörte, sie gehört dazu – mit ihren Bildern, ihren Gedichten. als Künstlerin, als Mensch.

Wir sollten sie wieder, wieder öfter lesen.

Matthias Rürup
(für das Literaturhaus Wuppertal und das – ehemalige – Literatentreffen  Wuppertal)

Ruth Velser: Selbstporträt (2010)

Ruth Velser: Größtmögliche Nähe, Gedichte (2018)

Déjà-vu

1 Geräusch. Über mir 1 Formation Gänse. Auch der städtische Laubsauger zählt das Jahr aus.

Nach Jahren 1 Kinderfoto von mir in meiner Küche. Ich bestaune 5 Gänse hinterm Zaun.

Noch ist nicht alles klar.

Später gab es die Beurteilung durch 1 Lehrer. Ich sollte sagen, ich sein 1 dumme…Schwimm-vogel mit 4 Buchstaben. Ich sage: 1 Schwan.

1 Spaziergang an der Rheinfähre. Schwäne, Gänse, Möwen. 1 junge Frau im Schneidersitz auf dem Kieselsandgemisch, vor sich 1 Supermarkttüte. Sie nimmt Toastbrotschnitten aus dem Plastikteil, breitet die Arme weit aus, in den Händen das Brot. Die Schwäne stehen Schlange.

1 auf jeder Seite schnappen gierig wie vorsichtig. So große Tiere.

Bis gestern hat es geregnet. Muschelschalensplitter + zerfledderte Federn. Ich will Kaffee + Eis im Außenbereich des Pavillons. 1 Auto, nach dem anderen. Die gesperrte Rheinbrücke.

Ruth Vesler (2017)
(veröffentlicht in neolith #2)

Pflicht

Sie wollen 1 Maske
Suchen Sie sich 1 aus
Wir haben freundliche
+ unfreundliche im Angebot
Engel +Teufel
Ihr Gesicht
Lassen wir uns nicht gefallen
Sie gehen
Aber die Straße
Vor unserm Geschäft
Die machen wir weg

Ruth Velser (2020)
(Zuerst veröffentlicht im Rahmen des Literatentreffen-Projekts „Auszeit“ während der Corona-Pandemie)

Abend

Während die Tasse Tee
Mit dem Löffel abkühlt
Auf den Papieren
Neben den Vitamintabletten
+ 2 Bananen
Die mittlere Schublade
Der Kommode offensteht
Auf der der Fernseher läuft
Blautonig
Während ich im Glasschrank
Nicht gespiegelt bin
Während das angefangene
Portrait drüberwegsieht
Pinsel + Farben
Auf Plastikfolie
Mantel + Schal
Überm Stuhl liegen
Während 1 Auto vorbeifährt
Während ich schreibe
Es fängt an
Es hört auf

Ruth Velser
aus: Größtmögliche Nähe. Gedichte
erschienen: 2018 im Nordpark-Verlag