Wann

20. Mai 2026    
19:00 - 20:45

Wo

Begegnungsstätte Alte Synagoge
Genügsamkeitsstraße
42105 Wuppertal

Gisela & Alfred Andersch – Kunst & Liebe in der Nachkriegszeit

Vortrag, Gespräche und Lesung mit Sven Hanushek, Annette Korolnik-Andersch und Ulrike Leuschner

Alfred Andersch (1914-1980) war einer der wichtigsten Akteure im kulturellen Feld der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Ehe er 1957 mit dem Roman Sansibar oder der letzte Grund seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte, hatte er mit den Zeitschriften Der Ruf und Texte und Zeichen sowie mit neuen Rundfunkformaten Maßstäbe gesetzt. Mit dem ‚Abendstudio‘ des HR gab er der demokratischen Debatte einen Ort, in der Schriftenreihe studio frankfurt debütierten nachmals führende Dichterinnen und Schriftsteller. 1993, 13 Jahre nach Anderschs Tod, erlitt sein Andenken durch W. G. Sebalds Anwürfe und Verdächtigungen einen empfindlichen Schaden.

Das auf die Literatur der 1950er Jahre spezialisierte Jahrbuch treibhaus wartet in seinem 20., Alfred Andersch gewidmeten Band mit neuen Quellen auf, darunter als reizvollste Entdeckung mit Anderschs Briefen an seine Geliebte und spätere Ehefrau Gisela Groneuer (1913-1987). Bislang für die Benutzung gesperrt, wurden sie erstmals durchgesehen und in Auswahl herausgegeben. Sie erzählen von einer leidenschaftlichen Liebe – und vom Zusammenwachsen zweier kreativer Persönlichkeiten zu einem großen Künstlerpaar.
Die aus der Wuppertaler Kaufmannsfamilie Groneuer stammende Gisela war Malerin, Grafikerin und Fotografin. Auf Anregung ihres Mannes beschäftigte sie sich erfolgreich als Illustratorin, für Texte und Zeichen¸ für studio frankfurt und vieles mehr. Sie war eine couragierte, selbständige Frau. Bevor sie 1950 Alfred Andersch heiratete und von ihm die Tochter Annette bekam, hatte sie vier Kinder von verschiedenen Vätern. Ihre Familie in der Viktoriastraße 60 in Elberfeld, bei der sie am Kriegsende mit vier Kindern unterkam, unterstützte sie in ihrem künstlerischen Werdegang ebensowenig wie ihr Ehemann Paul Groneuer und die anderen Kindsväter. Alfred dagegen beschaffte ihr Material, fotografierte die fertigen Werke und legte ein Archiv an. Sie ihrerseits war seine kritische Leserin; auch lieferte sie ihm Artikel für den Ruf, darunter eine Theaterkritik aus Wuppertal.

Im Wechsel mit der Lektüre ausgewählter Briefe sprechen die treibhaus-Herausgeber Sven Hanuschek und Ulrike Leuschner mit Annette Korolnik-Andersch über die Geschichte ihrer Eltern, die hinterlassenen Briefe und die anstehende Editionsgeschichte.

Die Vortragenden

Sven Hanuschek ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Neuere deutsche Literaturwissenschaft), Geschäftsführer des Germanistik-Departments und Publizist; Mitglied des PEN und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Zuletzt erschienen: Arno Schmidt. Biografie (2022) und die erweiterte Neuausgabe von Keiner blickt dir hinter das Gesicht. Das Leben Erich Kästners (2024); als jüngste Editionen Resignation ist kein Gesichtspunkt. Politische Reden und Feuilletons von Erich Kästner (Hg., 2023) und die ersten Bände der Elias Canetti-Gesamtausgabe, der Zürcher Ausgabe, Die gerettete Zunge und Der Ohrenzeuge (Mithg., 2025). Mithg. des treibhaus-Jahrbuchs und der neoAvantgarden (beide edition text + kritik).

Annette Korolnik-Andersch, Tochter von Gisela und Alfred Andersch. Ausbildungen als Wissenschaftliche Zeichnerin, Textilentwerferin und Malerin an den Kunstschulen in Basel, Zürich und St. Martin’s School of Art in London. Seit 1972 freie Malerin und Objektkünstlerin. Kunstpreis Anker Bank, Zürich, Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung, Irland; Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen. Rund 50 Ausstellungen in mehreren europäischen Ländern, zuletzt im Museo delle Culture in Lugano (2020) und im Museum für Völkerkunde zu Leipzig (2025).

Ulrike Leuschner, Dr. phil., Studium der Germanistik, Philosophie und Volkskunde in Würzburg, Promotion mit der Edition des Dramatisirten Faust von Friedrich Müller (Heidelberg 1996), bis 2021 Mitarbeiterin der Forschungsstelle Johann Heinrich Merck an der Technischen Universität Darmstadt, Herausgabe von Mercks Briefwechsel (Göttingen 2007) und Gesammelte Werke (9 Bde., Göttingen 2012-2021). Zuletzt erschienen Maler Müller – Ein Faustdichter in Rom (Göttingen 2025). Zahlreiche Aufsätze zur Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts, Mitherausgeberin von treibhaus, Ausstellungskuratorin.

Die Veranstaltung wird gemeinsam gestaltet vom Literaturhaus Wuppertal, dem Katholischen Bildungswerk Wuppertal / Solingen / Remscheid und der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal.

Eintritt: 6,00 €, ermäßigt 3,00 €.